Gedichte des VHS München Kurses


Ich erinnere mich
April 10, 2006, 10:13
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Ich erinnere mich,
dass ich an den Stäben meines Kinderbettchens drehte;

Ich erinnere mich, wie laut das quietschte;

Ich erinnere mich, dass meine Großmutter sich die Ohren zuhielt
und seufzte: „Omas Nerven!“

Ich erinnere mich, dass ich mit einem Holzgewehr auf der Schulter
im Hof herumstolzierte und „Heil Hitler!“ schrie.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter und meine Tante
in die Hände klatschten und „Toll!“ riefen.

Ich erinnere mich, dass ich mit einem Holzgewehr auf der Schulter
im Hof herumstolzierte und „Heil Hitler!“ schrie.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir den Mund zuhielt
und meine Tante fauchte: „Willst du uns alle an den Galgen bringen?“

Ich erinnere mich, dass mein Vater aus der Gefangenschaft kam
und im Bett meiner Mutter schlafen wollte.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter ihn anwies,
es sich auf dem Sofa bequem zu machen.

Ich erinnere mich, wie meine Mutter und meine Tante
– beide in fleischfarbenen Unterröcken – sich kratzten und bissen.

Ich erinnere mich an die hängenden Mundwinkel meines Vaters,
der dabei stand, und wie er den Kopf schüttelte.

Bernd Bergander



Die Ballade vom warmen Heinrich
April 10, 2006, 10:06
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Anmerkung: Diese Ballade, aus einer Übung entstanden, enthält einige Kraftausdrücke.

Die Ballade vom warmen Heinrich

Aus Braunschweig Ritter Heinerich
zur Buhle kam geritten.
„Ach, drück mich armen Schweinerich
an deine warmen Titten.“

Die Buhle drückte ihn mit Lust,
an ihre prallen Glieder,
er lupft´ behend die linke Brust
aus ihrem strammen Mieder.

Er drückt´ sie fest, er küsst´ sie heiß,
er netzet sie mit Tränen.
„Ach, liebste Buhle, etwas Neu´s
muss ich Dir jetzt erzählen.“

„Willst du in meine Kuhle rein,
die dich so oft verzücket,
so sag mir, liebster Buhle mein,
was dir das Herz bedrücket!“

„Die warme Kuhle minniglich
wird nimmermehr beackert.
Mein junger Knapp´ betörte mich,
als er im Bade nackert.

Sein süßer Pöter macht mich schwach,
und weckt mir tausend Lüste,
doch oben fehlen leider, ach,
ihm deine runden Brüste.“
 
„Oh du, mein warmer Rittersmann,
du treibst es wahrlich munter!
Mich liebst du überm Gürtel jetzt,
den Knappen liebst du drunter.

Nur sage mir, ob die Annette,
dein vielgetreues Eheweib,
alleine nun in ihrem Bette
zwecks deinem neuen Zeitvertreib.“

„Das Bette ist schon lange kalt,
Schuld ist die braune Birne,
der feiste Pfaffe Theobald.
Der setzte ihr ins Hirne,

dass wegen ihres Seelenheils,
sie Gottesbraut nun werde.
Annette jubelt: ,Also sei´s!
so komm´ ich weg vom Herde.’ “

Die Buhle wiegt den Kopf und sinnt:
„Wie ist das Schicksal weise;
ein jeder in dem Spiel gewinnt,
nur ich sitz´ in der Scheiße.“

Der warme Heinrich lächelt kalt.
„Was sind denn das für Zicken?
Mach doch mit Bruder Theobald
das Tier mit den zwei Rücken.“



Pantun 1
April 10, 2006, 9:41
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Meine Freundin ist nackt im Winter,
mit vielen ihresgleichen friert sie in Reih und Glied,
fest stecken ihre Füße in rissiger Erde;
braune Arme reckt sie ins fahle Licht.

Mit vielen ihresgleichen friert sie in Reih und Glied,
sehnlich erwartet sie längere Tage,
braune Arme reckt sie ins fahle Licht.
ein grünes Kleid bedeckt sie im Mai.

Sehnlich erwartet sie längere Tage,
neues Leben fährt in sie im Frühling,
ein grünes Kleid bedeckt sie im Mai.
im Sommer empfängt sie des Herbstes Kinder.

Neues Leben fährt in sie im Frühling,
die Arme reckt sie lang und länger,
im Sommer empfängt sie des Herbstes Kinder,
schwer trägt sie am Werk der vier Elemente.
Die Arme reckt sie lang und länger,
fest umgreift sie Krücken aus Draht und Eisen,
schwer trägt sie am Werk der vier Elemente,
mit Messern wird ihre Frucht vom Leibe geschnitten.

Fest umgreift sie Krücken aus Draht und Eisen,
nun steht sie leer da und kraftlos,
mit Messern wurd´ ihre Frucht vom Leibe geschnitten,
gelb und rot verfärbt sich ihr Kleid.

Nun steht sie leer da und kraftlos,
die Kälte fällt die Berge herab,
gelb und rot verfärbt sich ihr Kleid,
braune Fetzen reißt der Wind ihr vom Leib.

Die Kälte fällt die Berge herab,
meine Freundin ist nackt im Winter,
braune Fetzen riss der Wind ihr vom Leib,
fest stecken ihre Füße in rissiger Erde.

Bernd Bergander, 29. März 2006



Sonett an den Whisky
April 10, 2006, 9:38
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Von ärmlicher Krume zerfall´nen Gesteins,
gemälzt, gedarrt über Feuer und Rauch,
vermaischt, vergoren; in des Still Pots Bauch
die Gerste mutiert zum Geiste des Weins.

Und Fässer aus Eiche, die Jahre lang Weine
aus Spaniens Süden und Westen bargen,
geben dem Gerstensud Düfte und Farben,
die jenen des Meeres und Winds sich vereinen.

In der Nase die blühenden Heiden von Islay,
am Gaumen die feuchtmilden Sommer des Spey
vertreiben den Blues und die Grillen.

Mir rauschen zu Kopf und die Kehle hinab
Wärme und herbe Süße; sie reißen mir ab
das Joch der Vernunft und des Willens.

Bernd Bergander,  6. April 2006



Vorstellung bei einem VHS-Schreibkurs
April 10, 2006, 9:35
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Wie es mit meiner Schreiberfahrung steht?
Also, schreiben tue ich, solange ich denken kann,
Gedichte, Novellen, Romane und jede Sorte Theaterstücke
füllen Garage, Speicher und Keller,
mindestens 10.000 dicht beschriebene Seiten.
Schon am ersten Schultag überraschte ich den Lehrer
mit einem selbstgedichteten Lied,
die Weise hatte ich natürlich auch komponiert.
Die Eltern der Erstklässler wollten sieben Da capos.
Zum Abitur war die Premiere meiner philosophischen Farce
„Jean-Paul Sartre kauft bei Carl und August Brenninkmeyer
ein Dutzend Unterhosen“.
Der große Monolog des Sartre, ob er nun welche mit oder ohne Eingriff
nehmen soll und sich schließlich für halb und halb entscheidet,
obwohl seine Simone ihn in Hemdhosen am liebsten hatte,
und der heftige Streit zwischen Sartre und August im dritten Akt,
wo es um das Klassenbewusstsein der Änderungsschneider geht:
Sie, ich sage Ihnen, da hätte Shakespeare mir auf die Schulter geklopft,
und Bertolt Brecht rotiert im Grabe vor Neid.
Ohne sieben Gedichte geschrieben zu haben,
gehe ich nicht zu Bett.
Daktylus und Jambus,
Tetrameter, Pentameter, Hexameter,
für mich alles bloß Fingerübungen,
und Sonette verschenke ich
anstelle von Blumen.

Kein Genre des Romans ist mir fremd.
Meine historischen Epen
– alle penibelst recherchiert –
spielen im Mesozän und in der Steinzeit,
in meinen politischen Krimis
reiße ich den Großen der Welt die Maske vom Gesicht.
Weiße Riesen küsse ich,
durch Schwarze Löcher stürze ich
In meinen Fiction Romanen.
Meine Pornos zahlt die Krankenkasse
bei Libidostörungen.
Warum kein Verlag mich druckt?
Ach, Sie wissen doch,
die wollen alle bloß mainstream.
Warum ich in Ihren Kurs komme?
Nu, damit Sie mich reif machen für den Nobelpreis.

Bernd Bergander, 11. März 2006



Schwer gefragt
April 10, 2006, 9:21
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Hi, Arnie,
klar schreibe ich Dir Deine Rede zur Parlamentseröffnung.
Als erwählter Ghostwriter von Henry Kissinger mache ich das im Schlaf.

Boris – Boris, ich höre dich fast nicht,
Doppel nächstes Wochenende mit Andre und Steffi?
Sorry, da trainiere ich Tiger, um dessen Handicap zu verbessern.

Reg dich ab, Fidel,
Probleme mit Tabakfäule?
Schütte einen Cubra libre über die Pflanzen.
Das ist ein alter Trick von meinem Spezi Benji Rothschild.

Wirklich Paul,
du möchtest mein Coq au Champagne -Rezept für Dein neues Kochbuch?
Ok, aber nur wenn es auf die 1. Seite kommt.

Mick, glaub mir,
mein neuer Track für euch ist fast fertig. Das absolute Hammerteil, sag ich dir.
Das wird garantiert weltweit in den Charts einschlagen.

Wein doch nicht Angie,
lass uns im Adlon einen Kaffee trinken.
Mir fällt bestimmt etwas ein wie wir Deine Ministerbande zur Räson bringen.

also Franz,
das Gegurke der Nationalmannschaft kann kein Mensch mehr ansehen.
Ruf die Jungs zusammen, einen Tag unter meinen Fittichen und wir sind Weltmeister.

Steven, wau,
mich in der Hauptrolle Deines neuen Films „der Nachtfalter“?
Ich spiele aber nur mit George und Brad. Und unterstehe Dich die Stone oder Zeta-Jones als Nebenrolle zu engagieren. Mit solchen drittklassigen Aktreusen trete ich nicht auf.

Guten Abend Eure Heiligkeit,
natürlich bleibt unser morgiger Gedankenaustausch über die trinitarische Theologie der Vorsehung fix. Kommen Sie, wenn Sie mit Angelusgebet fertig sind, bei mir vorbei.

Hallo, ach Oma,
Es tut mir leid, ich kann Dir das Bild nicht aufhängen. Ich fühle mich hundsmiserabel.
Gestern brach die Feder meines Füllers und durchdrang meine Brust. Mein ganzes Herzblut verströmte und nun erwarte ich den lyrischen Heldentod im Fieberwahn meiner Fantasie.

13.03.06, Barbara Volk



Was sind destillierte Gedichte?
April 10, 2006, 9:14
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Die Teilnehmer schreiben zehn Minuten lang bestimmte Erinnerungen auf. Dann destillieren sie selbst und andere aus den Erinnerungen ein Gedicht. Interessant ist, was für unterschiedliche Gedichte aus ein und demselben Text destilliert werden .



La Chambre Bleue
April 10, 2006, 9:12
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Elegant gekleidete Frauen
locken dunkle Männer
mit leisem Gurren

Das Geklimper des Geldes
zerreißt das laute Stimmengewirr
der Fragen und Antworten

Zeit verfließt unaufhaltsam
im hohen Raum
auf der Flucht
vor sich selbst

23.03.06, Barbara Volk



Ich erinnere mich
April 10, 2006, 9:10
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Ich erinnere mich,
dass ich, das quengelnde Kleinkind,im Buggy jäh verstummte und staunend in den Frühlingssternenhimmel
über dem Alten Südlichen Friedhof eintauchte.

Ich erinnere mich
an die „große“ Schwester, die gerade triumphierend dem lästigen kleinen Bruder den gelben Plastikfisch über das Haupt gezogen hatte. Er weinte und rief das Strafgericht „Mama“ auf den Plan.

Ich erinnere mich
an das aufgeregte Mädchen mit der Zebra-Schultüte vor dem Tor der neuen Schulwelt.

Ich erinnere mich
an den heißen Sand, der zum Burgenbauen und Muschelsammeln einlud.

Ich erinnere mich
an Tränen der Angst und Verlassenheit, die ich im Bett weinte, weil meine Eltern noch nicht von ihrem Spaziergang zurück gekehrt waren.

Ich erinnere mich
an mein erstes Gedicht, das den Weg zu einer neuen Tiefe öffnete.

Ich erinnere mich
an den gestrigen Sonnenaufgang. Im blassen Dämmerlichts des Morgens
stieg wie ein rotglühender Basketball die Siegerin des neuen Tages über den Bauruinen des ehemaligen Altersheims empor.

Ich erinnere mich
an das Eis in der Hand, das schneller schmolz, als ich lecken konnte.
09.03.2006, Barbara Volk



Flüchtig
April 10, 2006, 8:53
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Schneller und schneller flüchtet sie über die Äste nach oben
Den Blicken der feixenden Besucher entzogen
Die Banane in der Hand wirkt wie eine Waffe
Das Herz in der Brust schlägt den Takt der nahen Freiheit

Den Blicken der feixenden Besucher entzogen
Darf sie den Baum der Erkenntnis neu in Besitz nehmen
Das Herz in der Brust schlägt den Takt der nahen Freiheit
Nur der Himmel weiß wie lang

Darf sie den Baum der Erkenntnis neu in Besitz nehmen
Das Grün des Blätterdachs trotzt dem beginnenden Regen
Nur der Himmel weiß wie lang
Zulange begrenzten die Gitterstäbe der satten Trägheit ihr Denken

Das Grün des Blätterdachs trotzt dem beginnenden Regen
Doch auch der drohenden Tränenflut
Zulange begrenzten die Gitterstäbe der satten Trägheit ihr Denken
Ideen vegetierten wie heimatlose Asylanten in den Auffanglagern des Geistes

Doch auch der drohenden Tränenflut
Gibt die neu erwachte Hoffnung einen Korb
Ideen vegetierten wie heimatlose Asylanten in den Auffanglagern des Geistes
Nun überreicht sie ihnen die Staatsbürgerschaft im Reich der Freiheit

Gibt die neu erwachte Hoffnung einen Korb
Keine Angst – die Fülle und Vollendung sind nicht weit
Nun überreicht sie ihnen die Staatsbürgerschaft im Reich der Freiheit
Kurz vor 12 – High Noon

Keine Angst – die Fülle und Vollendung sind nicht weit
Schneller und schneller flüchtet sie über die Äste nach oben
Kurz vor 12 – High Noon
Die Banane in der Hand wirkt wie eine Waffe
Barbara Volk