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Kinderspiel
(Streitkonzert)
Glühende Wangen und bangende Herzen,
schwarz glänzt der Flügel dort oben im Frack.
Kinderhände, die fliegen behende,
flatternde Finger geläufig im Takt.
Wer wird der erste sein?
Holz übernimmt und wechselt die Saiten,
springende Bögen zum Zerreißen gespannt.
Anschlag auf Anschlag in perlenden Läufen,
saitenverkehrt widerspricht jetzt der Baß.
Wer wird der nächste sein?
Fiebrige Augen und redliche Rührung,
fließende Töne verschleiern den Blick.
Saite trifft Taste des geladenen Flügels,
und in der Tiefe bedrohlich der Baß.
Wer lässt sich darauf ein?
Taste gibt kontra, und Saite letztendlich
zeigt sich d`accord, und geht spielend drauf ein.
Stein fällt geräuschlos von kindlichen Herzen,
Riesenapplaus, und Mozart sei Dank.
Ulrike Brandl
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Momentaufnahmen
Ein Blatt hängt am Baum,
leistet Widerstand – bis jetzt.
Doch der Sturm bläst stark.
Er reißt es brutal mit sich.
Ciao, letzter Sommerzeuge.
Die U-Bahn fährt ein,
spuckt die Menschenmassen aus
und nimmt neue auf.
Dann geht es weiter – nach Plan.
Der Tunnel frisst das Rücklicht.
Die Lichterkette glüht.
Lebkuchen locken – „Kauf mich“.
„Stille Nacht“ flüchtet
aus der Hektik des Kommerz
in den Tod des Vergessens.
23.11.2008 Barbara Volk
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Ich erinnere mich – Teil 3
Ich erinnere mich
an gebräunte Fischstäbchen, die im heißen Fett brutzelten,
daneben der Topf, in dem der Reis gerade überkochte.
Ich erinnere mich
an meinen ersten Kuss meiner ersten großen Liebe.
Mein Bruder stand daneben und lachte.
Ich erinnere mich
an den Sarg meines Vaters am offenen Grab.
Es klebte noch ein Preisschild an seinem Deckel.
Ich erinnere mich
an den lauten Knall und das Klirren im Waschbecken.
Die Glühlampe des Badezimmer-Hängeschranks hatte es zerrissen.
Ich erinnere mich
an mein Zeugnis.
Es war gut – das meines Bruders war besser.
Ich erinnere mich
an diesen einen besonderen Tag.
Regentropfen tropften kalt und langsam über die Anorakmütze in mein Genick.
12.11.2008 Barbara Volk
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Seltsame Gäste
Wo kommen sie her?
Was wollen sie von mir,
die zahlreichen Bewohner meines Rucksacks,
die mich täglich tyrannisieren und zum Tragesel degradieren?
Da, der rote Geldbeutel prahlt mit seinem Volumen
wirkt größer – wie einstens der Scheinriese Herr Tur Tur bei Jim Knopf
Ungefragt eröffnet er den kecken EURO-Cent-Münzen
die Wege in den unzugänglichen Zwischenraum des Rucksackbodens
Die verzogene – pardon überzogene Kreditkarte flirtet ungeniert
mit einem seltsam flüchtigen Geldschein niederer Ordnung
sowie mehreren alten Quittungen
die ihrer Entsorgung in den Papierkorb bisher erfolgreich entgehen konnten
Im Reißverschlussfach piesackt mein Haustürschlüssel ungeniert
mit seiner gezahnten Unterseite das weiche Leder der Handytasche
Deren Bewohner summt im archaischen Holzfällersound
das warnende Lied der anstehenden Termine oder Rückrufaktionen
Kommissar Kluftingers toter Taucher im Seegrund
reibt sich unfreiwillig auf
an den ausbruchserprobten Feinstaub-Knäckebrotkrümeln
welche sich unerlaubt aus der Brotzeittüte entfernt haben
Mein MP3-Player röchelt lustvoll die letzten Takte von
„It’s a hard Days Night“
während sein Akku die Energie-Grätsche macht
und verknotete Ohrstöpsel wieder nicht rechts von links unterscheiden können
Ein Faserschreiber verliert die Kappe
mein Kugelschreiber die Tinte
ein einzelgängerisches Tempotaschentuch die Saugfähigkeit
und das Innenfutter des Rucksacks seinen satten Beige-Ton
Die Mai-Gehaltsabrechnung küsst begeistert
den Sollsaldo eines verloren geglaubten Kontoauszugs des Vorjahres
erleuchtet von den Lichtspielen der kleinen LED-Taschenlampe
die sich ausgerechnet jetzt ihrer Pflichten erinnert – und strahlt
Mein Taschenschirm bittet um Ausgang
Das Wetter sei dafür wie geschaffen
Seine Hülle sieht das anders und zieht sich angewidert in die PC-Halterung zurück
Dort hält sie ein brotloses Schwätzchen mit der sich leer fühlenden Frühstückstüte
Mein geliebter Rucksack
ein Mikrokosmos des Chaos
in dem alles seine Ordnung hat
wie ich finde
weil ich findig finde
was gefunden werden soll
nicht immer zu jeder Zeit
aber stets rechtzeitig
17.11.2008 Barbara Volk
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Die Brieffreundin zu Besuch
Isch bin eine kleine, arme Französin
Isch will in Deine Arme fallen, aber nur, wenn Du ein echter Mann bist.
Hörst Du,
wie bemüht isch Dir meine Zerbrechlichkeit zeige?
Siehst Du,
wie angestrengt isch Dir glauben mache, dass isch schwach bin?
Fühlst Du,
wie leidenschaftlich isch Deinen Stolz umspüle?
Ergib Disch endlich
oder
Du erlebst die große Furie
in der kleinen Französin.
Mechthild Zeller
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Mein Körper
Mein Körper sprach: Jetzt ist es aus!
Ich sagte: mach`dir nichts daraus!
Doch dachte ich, wie der da spricht,
mein lieber Freund, da stimmt was nicht!
So sagte ich: Ich glaub, dass heut`
nicht ganz dein Tag ist, und erfreut
scheinst du mir auch nicht grad zu sein!
Wie wär`s mit einem Gläschen Wein,
dazu womöglich ein Gedicht?
Mein Körper stöhnt: Nein, bitte nicht!
Laß mir doch endich meine Ruh,
du ewig junger Quälgeist du !
Seither stellt mir die Frage sich,
was macht mein Körper ohne mich?
Ulrike Brandl