Gedichte des VHS München Kurses


Januar 27, 2009, 3:36
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Ich erinnere mich – Teil 3

 

 

Ich erinnere mich

an gebräunte Fischstäbchen, die im heißen Fett brutzelten,

daneben der Topf, in dem der Reis gerade überkochte.

 

Ich erinnere mich

an meinen ersten Kuss meiner ersten großen Liebe.

Mein Bruder stand daneben und lachte.

 

Ich erinnere mich

an den Sarg meines Vaters am offenen Grab.

Es klebte noch ein Preisschild an seinem Deckel.

 

Ich erinnere mich

an den lauten Knall und das Klirren im Waschbecken.

Die Glühlampe des Badezimmer-Hängeschranks hatte es zerrissen.

 

Ich erinnere mich

an mein Zeugnis.

Es war gut – das meines Bruders war besser.

 

Ich erinnere mich

an diesen einen besonderen Tag.

Regentropfen tropften kalt und langsam über die Anorakmütze in mein Genick.

 

 

12.11.2008                                                      Barbara Volk



Erinnerung II
September 13, 2007, 7:56
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Ich erinnere mich der schwülen Julihitze
Ich erinnere mich an die ungeduldigen Menschen im Zug
Ich erinnere mich, wie ich in der Zugtoilette meine Reisekleidung gegen einen dunklen Anzug vertauschte
Ich erinnere mich an die hektische Taxifahrt zum Friedhof
Ich erinnere mich an das jämmerliche Gejaule der elektrischen Orgel
Ich erinnere mich des gabelschwänzigen Milans, der über den Gräbern kreiste
Ich erinnere mich der Witwe im hüfthoch geschlitzten schwarzen Schlauchkleid
Ich erinnere mich an den Arme-Leute-Sarg und den ärmlichen Blumenschmuck
Ich versuche, mich an das Gesicht dessen zu erinnern, der in dem Sarg liegt
Ich erinnere mich des Kaffs, in dem er und ich unsere Kindheit verbrachten
Ich erinnere mich der Sommertage im Moor vor 50 Jahren
Ich erinnere mich der blau schimmernden Libellen über den Moorlöchern
Ich erinnere mich, wie wir Kilometer um Kilometer über Wiesen und Felder rannten, um das Modellflugzeuges meines Freundes zu bergen

Bernd Bergander



Ich erinnere mich
April 10, 2006, 10:13
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Ich erinnere mich,
dass ich an den Stäben meines Kinderbettchens drehte;

Ich erinnere mich, wie laut das quietschte;

Ich erinnere mich, dass meine Großmutter sich die Ohren zuhielt
und seufzte: „Omas Nerven!“

Ich erinnere mich, dass ich mit einem Holzgewehr auf der Schulter
im Hof herumstolzierte und „Heil Hitler!“ schrie.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter und meine Tante
in die Hände klatschten und „Toll!“ riefen.

Ich erinnere mich, dass ich mit einem Holzgewehr auf der Schulter
im Hof herumstolzierte und „Heil Hitler!“ schrie.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir den Mund zuhielt
und meine Tante fauchte: „Willst du uns alle an den Galgen bringen?“

Ich erinnere mich, dass mein Vater aus der Gefangenschaft kam
und im Bett meiner Mutter schlafen wollte.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter ihn anwies,
es sich auf dem Sofa bequem zu machen.

Ich erinnere mich, wie meine Mutter und meine Tante
– beide in fleischfarbenen Unterröcken – sich kratzten und bissen.

Ich erinnere mich an die hängenden Mundwinkel meines Vaters,
der dabei stand, und wie er den Kopf schüttelte.

Bernd Bergander



Ich erinnere mich
April 10, 2006, 9:10
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Ich erinnere mich,
dass ich, das quengelnde Kleinkind,im Buggy jäh verstummte und staunend in den Frühlingssternenhimmel
über dem Alten Südlichen Friedhof eintauchte.

Ich erinnere mich
an die „große“ Schwester, die gerade triumphierend dem lästigen kleinen Bruder den gelben Plastikfisch über das Haupt gezogen hatte. Er weinte und rief das Strafgericht „Mama“ auf den Plan.

Ich erinnere mich
an das aufgeregte Mädchen mit der Zebra-Schultüte vor dem Tor der neuen Schulwelt.

Ich erinnere mich
an den heißen Sand, der zum Burgenbauen und Muschelsammeln einlud.

Ich erinnere mich
an Tränen der Angst und Verlassenheit, die ich im Bett weinte, weil meine Eltern noch nicht von ihrem Spaziergang zurück gekehrt waren.

Ich erinnere mich
an mein erstes Gedicht, das den Weg zu einer neuen Tiefe öffnete.

Ich erinnere mich
an den gestrigen Sonnenaufgang. Im blassen Dämmerlichts des Morgens
stieg wie ein rotglühender Basketball die Siegerin des neuen Tages über den Bauruinen des ehemaligen Altersheims empor.

Ich erinnere mich
an das Eis in der Hand, das schneller schmolz, als ich lecken konnte.
09.03.2006, Barbara Volk



Ich erinnere mich
April 10, 2006, 7:55
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Ich erinnere mich,
dass ich in der ersten Klasse noch Schürzen tragen musste.

Ich erinnere mich,
dass meine Mutter mir meine Haare nach dem Waschen immer mit Kamillentee spülte,
weil ich blond bleiben sollte.

Ich erinnere mich,
als meine kleine  Schwester sich an den Kerzen des Weihnachtsbaumes den Saum ihres bodenlangen roten Nachthemdes verbrannte.

Ich erinnere  mich,
als meine Mutter Erdbeerpudding kochte und ich ihn nicht essen wollte. Ich mochte keinen Erdbeerpudding.

Ich erinnere mich,
als ich meinen Vater in langen Unterhosen aus dem Badezimmer kommen sah.

Ich erinnere mich,
als meine Schwester aus dem Kinderwagen fiel. Ich habe ihn umgeworfen.

Ich erinnere mich,
dass unsere schwarzen Katzen immer mit im Bett geschlafen haben.

Ich erinnere mich
an unser Dorf, die Gaststätte mit den Kastanienbäumen im Garten,
das kleine Lebensmittelgeschäft, in dem die Gummibrächen noch einzeln abgezählt wurden.

Franziska Stadler



März 31, 2006, 1:18
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Ich erinnere mich an die Krümel auf dem weißen Teller auf dem runden Tisch, die mein Opa zurückgelassen hatte. Nie habe ich es geschafft, ihn beim Essen zu sehen.

Ich erinnere mich wie er die Vogelhochzeit trällert und das Fideralala besonders laut sang.

ich erinnere mich, wie ich in sein Zimmer geholt wurde, in dem er in dem großen weißen Bett lag. Alle sahen zu, wie er mit mir sprach. Ich war drei.

Ich erinnere mich, wie meine Oma nachts anrief und meine Mutter in ihrem leuchtent roten  Bademantel an das elfenbeinfarbenen Telefon ging, das im weißen Regal im Wohnzimmer stand. Sie fing sofort an zu weinen.

Ich erinnere mich, wie ich Jahre später weinen mußte, weil ich meinen Opa nie kennenlernen würde.



Joe Brainard „I remember“ Reprint
März 29, 2006, 4:42
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März 29, 2006, 4:40
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Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass aus dem Boden des türkisen Swimming-Pool ein Hai hochschießen würde.

Ich erinnere mich an Ägypten und wie ich auf dem Berg die Arme hob, um den Wind zu spüren und hoffe, mich immer daran zu erinnern.

Ich erinnere mich an die Perlenkette, die ich neue Aufzog, um einen Freund von meinem Bruder auf seinem Kindergeburtstag zu beeindrucken. Ich durfte neben ihm stehen beim Roulette-Spiel.

Ich erinnere mich, wie ich an Dörtes Fenster klopfte, am Sonntag, um sieben Uhre morgens, damit wir endlich mit dem Spielen beginnen konnten.

Ich erinnere mich, an die Sommerurlaube, wenn wir solange bettelten, bis wir ein Eis bekamen, obwohl ich gar kein Eis mochte. 



Gedicht von Joe Brainard zum Weiterdichten
März 28, 2006, 9:20
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Ich erinnere mich
von Joe Brainard

Ich erinnere mich an das einzige Mal, dass ich meine Mutter weinen sah. Und ich Aprikosenkuchen aß.

Ich erinnere mich an einen sehr armen Jungen, der die Blusen seiner Schwester tragen musste, wenn er in die Schule ging.

Ich erinnere mich an einen heißen Sommertag, an dem ich Eiswürfel in mein Aquarium warf und alle Fische starben.

Ich erinnere mich an meine ersten Erektionen. Ich dachte, ich hätte eine fürchterliche Krankheit.

Ich erinnere mich an sehr alte Menschen, als ich sehr jung war. Ihre Häuser rochen komisch.

Ich erinnere mich daran, wie mein Vater sagte: „Lass deine Hände über der Bettdecke“, wenn er „Gute Nacht“ sagte. Aber er hat es nett gesagt.

Ich erinnere mich daran, sich in die Hand zu niesen und dann an das Problem, was man damit „tun” sollte.

Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass Polizisten jeden einsperren würden, der etwas Böses tut.
Und das war im naiven 1969 geschrieben.

Ich erinnere mich an die Zeit, als Kinderlähmung das Schlimmste auf der Welt war.