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Seltsame Gäste
Wo kommen sie her?
Was wollen sie von mir,
die zahlreichen Bewohner meines Rucksacks,
die mich täglich tyrannisieren und zum Tragesel degradieren?
Da, der rote Geldbeutel prahlt mit seinem Volumen
wirkt größer – wie einstens der Scheinriese Herr Tur Tur bei Jim Knopf
Ungefragt eröffnet er den kecken EURO-Cent-Münzen
die Wege in den unzugänglichen Zwischenraum des Rucksackbodens
Die verzogene – pardon überzogene Kreditkarte flirtet ungeniert
mit einem seltsam flüchtigen Geldschein niederer Ordnung
sowie mehreren alten Quittungen
die ihrer Entsorgung in den Papierkorb bisher erfolgreich entgehen konnten
Im Reißverschlussfach piesackt mein Haustürschlüssel ungeniert
mit seiner gezahnten Unterseite das weiche Leder der Handytasche
Deren Bewohner summt im archaischen Holzfällersound
das warnende Lied der anstehenden Termine oder Rückrufaktionen
Kommissar Kluftingers toter Taucher im Seegrund
reibt sich unfreiwillig auf
an den ausbruchserprobten Feinstaub-Knäckebrotkrümeln
welche sich unerlaubt aus der Brotzeittüte entfernt haben
Mein MP3-Player röchelt lustvoll die letzten Takte von
„It’s a hard Days Night“
während sein Akku die Energie-Grätsche macht
und verknotete Ohrstöpsel wieder nicht rechts von links unterscheiden können
Ein Faserschreiber verliert die Kappe
mein Kugelschreiber die Tinte
ein einzelgängerisches Tempotaschentuch die Saugfähigkeit
und das Innenfutter des Rucksacks seinen satten Beige-Ton
Die Mai-Gehaltsabrechnung küsst begeistert
den Sollsaldo eines verloren geglaubten Kontoauszugs des Vorjahres
erleuchtet von den Lichtspielen der kleinen LED-Taschenlampe
die sich ausgerechnet jetzt ihrer Pflichten erinnert – und strahlt
Mein Taschenschirm bittet um Ausgang
Das Wetter sei dafür wie geschaffen
Seine Hülle sieht das anders und zieht sich angewidert in die PC-Halterung zurück
Dort hält sie ein brotloses Schwätzchen mit der sich leer fühlenden Frühstückstüte
Mein geliebter Rucksack
ein Mikrokosmos des Chaos
in dem alles seine Ordnung hat
wie ich finde
weil ich findig finde
was gefunden werden soll
nicht immer zu jeder Zeit
aber stets rechtzeitig
17.11.2008 Barbara Volk
Heute bin ich
die ich bin
vielschichtig
hintergründig
rätselhaft
eine moderne Mona Lisa
mir selber fremd
im Ungleichgewicht
zwischen dem unterdrückten Herzen
und dem dominanten Verstand
Ob morgen aber
das Bild noch stimmt
wenn mein Innerstes
sich nach Außen kehrte
und die Äußerlichkeiten
sich dem Druck
des Wandels beugten
ist Teil des Geheimnisses
das Leben heißt
Ich suche die Antwort
doch am meisten mich
17.06.2007
Barbara Volk
Meine Zehen,
Klein wie meine Geduld
Meine Waden,
Fest wie mein Glauben
Mein Bauch,
Groß wie mein Herz
Meine Finger,
Zart wie meine Seele
Mein Augen,
Klar wie mein Verstand
Meine Haut,
Trocken wie mein Humor
Mein Lachen,
Ansteckend wie meine Liebe
Mein ganzes Ich,
seltsam wie dieses Gedicht
Niklas Stepper
Ich stehe auf einem Stuhl.
Ich spiegele mich:
dunkle funkelnde Augen
und mit verschmitztem Lachen
posiere ich für mich.
Ich stelle mich auf die Zehenspitzen.
Spiegele ich mich?
Drachenhafte Nasenlöcher
dazu Elefantenohren,
Mutti klebt sie nachts mit Pflaster fest.
Ich stehe vor dem Spiegel.
Ich schminke mich:
die Augen viel größer,
die Nase viel kleiner.
Nicht mal die Lippen verkneife ich mir.
Ich stehe vor dem Spiegel
und sehe darin:
glanzlose Augen,
gähnende Langeweile.
Ich male mir eine Maske ins Gesicht.
Ich stehe vor dem Spiegel.
Ich starre hinein:
Zornesfalte auf der Stirn,
Krähenfüße um die Augen.
Das Kinn flieht.
Ich beuge mich über den Spiegel.
Endlich erkenne ich mich:
dunkle funkelnde Augen
und mit verschmitztem Lachen
posiere ich für mich.
Damaris Bennemann