Gedichte des VHS München Kurses


Januar 27, 2009, 3:35
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Seltsame Gäste

 

Wo kommen sie her?

Was wollen sie von mir,

die zahlreichen Bewohner meines Rucksacks,

die mich täglich tyrannisieren und zum Tragesel degradieren?

 

Da, der rote Geldbeutel prahlt mit seinem Volumen

wirkt größer – wie einstens der Scheinriese Herr Tur Tur bei Jim Knopf

Ungefragt eröffnet er den kecken EURO-Cent-Münzen

die Wege in den unzugänglichen Zwischenraum des Rucksackbodens

 

Die verzogene – pardon überzogene Kreditkarte flirtet ungeniert

mit einem seltsam flüchtigen Geldschein niederer Ordnung

sowie mehreren alten Quittungen

die ihrer Entsorgung in den Papierkorb bisher erfolgreich entgehen konnten

 

Im Reißverschlussfach piesackt mein Haustürschlüssel ungeniert

mit seiner gezahnten Unterseite das weiche Leder der Handytasche

Deren Bewohner summt im archaischen Holzfällersound

das warnende Lied der anstehenden Termine oder Rückrufaktionen

 

Kommissar Kluftingers toter Taucher im Seegrund

reibt sich unfreiwillig auf

an den ausbruchserprobten Feinstaub-Knäckebrotkrümeln

welche sich unerlaubt aus der Brotzeittüte entfernt haben

 

Mein MP3-Player röchelt lustvoll die letzten Takte von

„It’s a hard Days Night“

während sein Akku die Energie-Grätsche macht

und verknotete Ohrstöpsel wieder nicht rechts von links unterscheiden können

 

Ein Faserschreiber verliert die Kappe

mein Kugelschreiber die Tinte

ein einzelgängerisches Tempotaschentuch die Saugfähigkeit

und das Innenfutter des Rucksacks seinen satten Beige-Ton

 

Die Mai-Gehaltsabrechnung küsst begeistert

den Sollsaldo eines verloren geglaubten Kontoauszugs des Vorjahres

erleuchtet von den Lichtspielen der kleinen LED-Taschenlampe

die sich ausgerechnet jetzt ihrer Pflichten erinnert – und strahlt

 

Mein Taschenschirm bittet um Ausgang

Das Wetter sei dafür wie geschaffen

Seine Hülle sieht das anders und zieht sich angewidert in die PC-Halterung zurück

Dort hält sie ein brotloses Schwätzchen mit der sich leer fühlenden Frühstückstüte

 

Mein geliebter Rucksack

ein Mikrokosmos des Chaos

in dem alles seine Ordnung hat

wie ich finde

weil ich findig finde

was gefunden werden soll

nicht immer zu jeder Zeit

aber stets rechtzeitig

 

17.11.2008                                                                              Barbara Volk



Selbstbetrachtung
September 3, 2007, 12:50
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Heute bin ich
die ich bin
vielschichtig
hintergründig
rätselhaft
eine moderne Mona Lisa
mir selber fremd
im Ungleichgewicht
zwischen dem unterdrückten Herzen
und dem dominanten Verstand
Ob morgen aber
das Bild noch stimmt
wenn mein Innerstes
sich nach Außen kehrte
und die Äußerlichkeiten
sich dem Druck
des Wandels beugten
ist Teil des Geheimnisses
das Leben heißt
Ich suche die Antwort
doch am meisten mich

17.06.2007
Barbara Volk



Selbstportrait
September 3, 2007, 12:27
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Meine Zehen,

Klein wie meine Geduld

 

Meine Waden,

Fest wie mein Glauben

 

Mein Bauch,

Groß wie mein Herz

 

Meine Finger,

Zart wie meine Seele

 

Mein Augen,

Klar wie mein Verstand

 

Meine Haut,

Trocken wie mein Humor

 

Mein Lachen,

Ansteckend wie meine Liebe

 

Mein ganzes Ich,

seltsam wie dieses Gedicht

Niklas Stepper



Spiegelbild
September 1, 2007, 1:07
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Ich stehe auf einem Stuhl.

Ich spiegele mich:

dunkle funkelnde Augen

und mit verschmitztem Lachen

posiere ich für mich.

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen.

Spiegele ich mich?

Drachenhafte Nasenlöcher

dazu Elefantenohren,

Mutti klebt sie nachts mit Pflaster fest.

   

Ich stehe vor dem Spiegel.

Ich schminke mich:

die Augen viel größer,

die Nase viel kleiner.

Nicht mal die Lippen verkneife ich mir.

  

Ich stehe vor dem Spiegel

und sehe darin:

glanzlose Augen,

gähnende Langeweile.

Ich male mir eine Maske ins Gesicht.

  

Ich stehe vor dem Spiegel.

Ich starre hinein:

Zornesfalte auf der Stirn,

Krähenfüße um die Augen.

Das Kinn flieht.

  

Ich beuge mich über den Spiegel.

Endlich erkenne ich mich:

dunkle funkelnde Augen

und mit verschmitztem Lachen

 posiere ich für mich.

Damaris Bennemann